{"title":"Einst der Maßstab im Verschieben von Grenzen des guten Geschmacks im Superhelden-Genre: The Authority Deluxe Edition 1 von Panini Comics","slug":"panini-comics-the-authority-deluxe-edition-1-review","url":"https://www.romanjasiek.de/panini-comics-the-authority-deluxe-edition-1-review/","published_at":"2023-11-14T19:40:00.000Z","updated_at":"2026-10-12T18:49:16.000Z","excerpt":"Höher, schneller, weiter, drastischer – drunter geht es scheinbar heute nicht mehr, um eine (gute?) Geschichte zu erzählen. Als prominentes Beispiel sei hier die Verfilmung der Comicserie The Boys (geschaffen von Garth Ennis und Darick Robertson, erschienen zunächst beim DC-Label Wildstorm, später bei Dynamite Entertainment) genannt. The Boys lässt weder im Comic noch in der Verfilmung, die bei Amazon Prime angeschaut werden kann, irgendeine noch so krasse Geschmacklosigkeit aus. Dabei würden di","meta_description":null,"html":"<p>Höher, schneller, weiter, drastischer – drunter geht es scheinbar heute nicht mehr, um eine (gute?) Geschichte zu erzählen. Als prominentes Beispiel sei hier die Verfilmung der Comicserie <a href=\"https://www.romanjasiek.de/panini-comics-the-boys-pocket-edition-1-review/\" rel=\"noreferrer\"><strong>The Boys</strong></a> (geschaffen von <strong>Garth Ennis</strong> und <strong>Darick Robertson</strong>, erschienen zunächst beim DC-Label Wildstorm, später bei Dynamite Entertainment) genannt. <strong>The Boys</strong> lässt weder im Comic noch in der Verfilmung, die bei <strong>Amazon Prime</strong> angeschaut werden kann, irgendeine noch so krasse Geschmacklosigkeit aus. Dabei würden die Geschichten vermutlich auch dann noch prima funktionieren, wenn man da beispielsweise nicht so sehr auf explizite Gewalt und Grausamkeit setzen würde. Ob eine absolute Überzeichnung immer zielführend ist&nbsp;… ich weiß nicht. Sicher bin ich mir da nicht.</p><p>Allerdings ist <strong>The Boys</strong> kein sonderlich neues Phänomen. Ein paar Jahre vor der Erstveröffentlichung von <strong>The Boys</strong> als Comic im Jahr 2006 gab es bei <strong>Wildstorm</strong> schon mal eine Superhelden-Gruppierung, welche die Grenzen von Moral und Anstand und dem, was im Genre der Superhelden-Comics bis dato machbar war, ein ganzes Stück verschoben hat: <strong>The Authority</strong>. Geschaffen von <strong>Warren Ellis</strong> und <strong>Bryan Hitch</strong> zeigte diese Gruppierung von Superwesen den biederen und braven Teams wie der <strong>Justice League</strong> ziemlich deutlich, wo der Frosch die Locken hat. Im Gegensatz zu den Figuren der <strong>Boys</strong>, die allermeist richtig einen am Sender haben und vor allem durch mehr oder minder zur Schau gestellte Bösartigkeit ganz eigene Ziele verfolgen, war die <strong>Authority</strong> zur Jahrtausendwende grundsätzlich noch im Dienste der guten Sache unterwegs. Allerdings schreckte die <strong>Authority</strong>, zunächst unter der Leitung von <strong>Jenny Sparks</strong> (dem Geist des 20. Jahrhunderts), nicht vor außerordentlich drastischen Maßnahmen zurück. Grausames Zerfetzen von gegnerischen Frauen und Männern ist das eine, Massenmord in Form von kompletter Auslöschung ganzer Länder das andere. Vermutlich wären Dinge wie <strong>The Boys </strong>nicht (oder zumindest nicht so) entstanden, wenn <strong>The Authority</strong> Ende der 1990er-Jahre nicht schon einmal Grenzen neu ausgelotet hätte. <strong>Panini Comics</strong> veröffentlicht die Serie nun in schicken Hardcover-Sammelbänden. Die erste Ausgabe dieser Deluxe-Editionen habe ich mir gerade zu Gemüte geführt.</p><p>Ein paar der US-Originalausgaben von <strong>The Authority</strong> habe ich hier sogar noch herumliegen. Damals, in meiner ersten großen Comicphase, war die Aufregung um die von <strong>Warren Ellis</strong> (nicht zu verwechseln mit dem Musiker <strong>Warren Ellis</strong>, der mit <strong>Nick Cave</strong> zusammen wunderbare Musik macht) geschaffene (Anti-)Superheldenserie groß. Allein schon wegen der diversen Charaktere, die <strong>Ellis</strong> geschaffen hatte. Neben der ziemlich ruchlosen <strong>Jenny Sparks</strong> bevölkerten <strong>Jack Hawksmoor</strong> (ein Mann, der mit der Seele von Städten kommunizieren kann), <strong>Midnighter</strong> und <strong>Apollo</strong> (ein schwules Paar, bei denen mehr als offensichtlich <strong>Batman</strong> und <strong>Superman</strong> als Vorbilder dienten) oder auch <strong>The Doctor</strong> (ein ganz merkwürdiger, schamanenartiger Geselle) die bunten Panels. Panels voller Zeichnungen übrigens, die damals sehr schön anzusehen waren und hervorragend gealtert sind. Beim Lesen der ersten 8 Hefte, die dieser Sammelband vereint, fiel mir auf, wie gut die Zeichnungen, wie schön plastisch die Farben auch heute, mehr als 20 Jahre später, noch anzusehen sind.</p><p>Und auch die Geschichten selbst sind gut gealtert. Zunächst bekommt es die <strong>Authority</strong>, die durchaus mit einem politischen Mandat in der Hinterhand tätig ist und sich nicht einfach nur dank der den Mitgliedern eigenen Superfähigkeiten legitimiert, mit dem <strong>Inselstaat Gamorra</strong> zu tun. Dessen Führung hat es sich zum Ziel gesetzt, Terror und Schrecken zu verbreiten. Im zweiten Teil des Buches betritt ein anderes Völkchen die Bildfläche. Eines, das von einer Parallelwelt kommt und dessen Obermotz den Plan verfolgt, zur Wahrung und Aufrechterhaltung der eigenen Blutlinie die ganze Welt zu versklaven – und zu einer Vergewaltigungskolonie unfassbaren Ausmaßes zu machen. Logisch, dass <strong>Jenny Sparks</strong> und ihre Gang da nicht tatenlos zusehen und dank der ihnen verliehenen Autorität alle Hebel in Bewegung setzen, um das Unheil abzuwenden. Und ich meine wirklich alle. Die Splatter-Bilder, wenn beispielsweise <strong>Jack Hawksmoor</strong> wieder einen seiner Gegner in einen blutigen Haufen aus Blut, Knochen und Gedärmen verwandelt hat, schockieren heute vermutlich nicht mehr so sehr. Sind aber immer noch unappetitlich genug. Dass <strong>Jenny</strong> und ihre Truppe aber nicht davor zurückschrecken, zur Rettung ihrer Welt einen halben Kontinent absaufen zu lassen, ohne dabei auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob nicht eventuell, unter Umständen und vielleicht auch unschuldige Zivilisten auf eben jenem Landstrich verweilen, das war damals hart. Und das ist es noch heute. Wie gesagt, lange bevor etwa ein <strong>Homelander</strong> ein Passagierflugzeug abstürzen ließ, voller Frauen, Männer und Kinder, gab es die <strong>Authority</strong>, die mit drastischen, rabiaten Mitteln ihre Ziele zu erreichen versuchte. In teilweise sehr viel größerem Maßstab.</p><p>Wenn manche Dinge heute nicht mehr so schocken oder so reinknallen, wie es vielleicht noch zur Zeit der Erstveröffentlichung der Fall gewesen ist, dann liegt das möglicherweise auch daran, dass die Grenzverschiebung, welche durch <strong>The Authority</strong> im Superhelden-Genre vorgenommen wurde, von nachfolgenden Werken wie eben <strong>The Boys</strong> immer wieder erweitert wurde. Dennoch gehört <strong>The Authority</strong> zu den großen Klassikern des Genres. Und komprimiert in einem Sammelband, der acht US-Hefte in sich vereint, kommt nach wie vor rasantes, spannendes und sehr kurzweiliges Lesevergnügen auf. Wer das bisher verpasst hat, bekommt dank <strong>Panini</strong> nun wieder die Gelegenheit, dieses Stück Comicgeschichte in einer schicken <strong>Deluxe-Edition</strong> nachzuholen. Denn: Nach fast einem Vierteljahrhundert ist The Authority noch immer eine ebensolche im Superhelden-Genre.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/the-authority-deluxe-1-1.webp\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"538\" height=\"800\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Panini Comics</span></figcaption></figure>","tags":["Comics"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/the-authority-deluxe-1.webp","archived_at":"2026-10-12T19:06:04.704Z"}